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Wie Ärzte und Angehörige miteinander reden

  • Schwere chronische Erkrankungen beeinträch­tigen nicht nur das Leben des Patienten; sie haben auch Auswirkungen auf dessen ge­samtes soziales Umfeld: Besonders psychische Erkran­kun­gen wie Schizophrenie, die mit Stö­rungen des Den­kens, des Bewusstseins und des (Selbst-)Erlebens einher­ge­hen, führen oft zum Ab­bruch der meis­ten so­zialen Kontakte, so dass als Be­zugs­per­sonen für den Pa­tienten in der Regel nur die engsten Fa­milien­an­gehörigen bleiben. Durch die Er­krankung ver­ändert sich dabei der gewohnte, vertrau­ens­volle Um­gang zwischen Patient und Fa­mi­lie sowie zwischen den einzelnen Fa­milien­angehörigen untereinander. Die Umstände der stationären Behandlung in aku­ten Krankheits­pha­sen sowie die Folgen und/oder (Ne­ben)Wirkungen der Nachbehandlung in stabilen Pha­sen haben oft weit reichen­de Konse­quenzen für den Alltag der mit dem Pa­tien­ten lebenden An­gehö­rigen. Neben der pro­fes­sionellen, insti­tu­tio­nell verankerten psychiatrischen Versorgung ist die Betreuung durch die Ange­hörigen in ihrer Rolle als Laienhelfer die tra­gende Säule der ambulan­ten Pa­tientenver­sor­gung. Daher wird seit eini­gen Jahren in der psyc­hiatrischen For­schung ge­fordert, die An­gehö­rigen als Ko­therapeuten in Therapie und Nach­­sorge einzubeziehen. Vor diesem Hintergrund un­ter­sucht die quali­tativ aus­gerichtete Arbeit, wie behandelnde Psychia­ter und An­gehörige von schizo­phren Erkran­k­ten in Nach­sorge­termi­nen, sog. Katamnese­ge­sprä­chen, miteinander re­den. Das Hauptaugenmerk der empirischen Gesprächs­ana­lysen liegt darauf, wie die Ange­höri­gen versu­chen, die The­rapie "ihres" Patien­ten zu beeinflussen und wie sie ihre eigenen Be­find­lichkeiten in den Ge­sprächen mit dem Arzt the­ma­tisieren. In 24, an den Grundsätzen von Handlungsse­mantik und Sequenz­ana­lyse orientierten, Detail­ana­lysen einer Auswahl zentraler sprachlicher Hand­lungen zeigt sich, dass die Psychiater es keines­wegs mit Angehörigen zu tun haben, deren Verhalten einzig von Schüch­ternheit oder unhinterfragter Akzeptanz profes­sio­nell-medizinischer Therapie-Maßnahmen ge­prägt ist. Vielmehr sehen sie sich durchaus mit­tei­lungs­bedürftigen und kritischen Klien­ten gegen­über: Neben Widersprüchen und Vorschlägen vollziehen die Angehörigen be­sonders im Hin­blick auf die Be­hand­lung des Patienten vor allem Hand­lungen, die dem Muster Kritisie­ren zu­zu­ordnen sind. In Bezug auf ihre eige­nen Be­dürfnisse stellt sich das Handlungsmus­ter Belas­tun­gen äussern als zentral he­raus. Die Handlungen mit Bezug auf die Therapie des Patienten gehen dabei oft Hand in Hand mit den­jenigen, die sich auf die eigenen Belas­tun­gen der Angehörigen beziehen: Zum einen machen sich die An­ge­höri­gen Gedanken um den Pa­tien­ten und des­sen Zustand; zum an­de­ren zeigt sich in ihren Äuße­rungen, dass sie in ihren Gedan­ken und Ge­fühlen selbst zu­tiefst von der Krankheit ihres ge­liebten Kindes, (Ehe-)Part­ners, Bru­ders, der Schwester oder Schwägerin mit ­be­trof­fen und ver­unsichert sind. Die Analysen widmen sich daher auch der Frage, ob und wie die Anmer­kungen der Angehörigen vom jewei­li­gen Arzt konstruktiv um­ge­setzt werden bzw. werden kön­nen. Die Arbeit plä­diert für eine doppelt aus­ge­richtete Un­ter­stüt­zung der An­ge­hö­rigen: zum einen im Hin­blick auf ihre Funktion als Ko­the­ra­peuten sowie zum anderen im Hin­blick auf ihre Bedürfnisse als von der Erkran­kung (Mit)Betroffene und (Mit-)Leidende.

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Metadaten
Author:Ruth Müller
URN:urn:nbn:de:hbz:kob7-4764
Referee:Wolf-Andreas Liebert, Bernd Ulrich Biere
Document Type:Doctoral Thesis
Language:German
Date of completion:2009/12/18
Date of publication:2009/12/18
Publishing institution:Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz, Universitätsbibliothek
Granting institution:Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz, Fachbereich 2
Date of final exam:2009/07/22
Release Date:2009/12/18
Tag:Arzt-Angehörigen-Kommunikation; Gesundheitskommunikation; Linguistische Gesprächsanalyse; Psychiatrie; Schizophrenie; Sprachliche Handlungsmuster
Number of pages:XXI, 511
Institutes:Fachbereich 2 / Institut für Germanistik
Dewey Decimal Classification:4 Sprache / 40 Sprache / 400 Sprache
Licence (German):License LogoEs gilt das deutsche Urheberrecht: § 53 UrhG